Andere Länder, anderes Networking

9. Mai 2013

was Deutsche von Brasilianern lernen können

Networking,  oder auch der „aktive Prozess des an seinem Netz von Kontakten Bauens“, ist in den letzten Jahren in Deutschland vor allem beruflich relevant geworden.
Networking ist ein universeller Begriff. Doch da gibt es kulturelle Unterschiede, sowohl im Vorgehen und wie auch beim Erfolg.
Bei der Mesa Redonda 1) im Mai wurden deutsche und brasilianische Weisen des Networking kontrastiert. Hier kommen einige der Reflexionen.

liu otw-kontakte

Kontakte ©Yang Liu

Die deutsche Art zu netzwerken

Stellen wir uns eine typisch deutsche Networking-Situation vor. Ein Veranstalter hat eingeladen, die Namensschilder sind ausgeteilt, man steht mit einem Glas in der Hand und sucht, nun auf sich selbst gestellt, nach einem  Gesprächspartner und -thema. Jemanden gefunden, spricht man  sachlich über Fachfragen, Spezialisierung, womöglich eigene Errungenschaften … und der andere? Hört höflich zu oder übernimmt, um dann seinerseits Fachspezifisches,  Spezialisierung oder eigene Leistung zu platzieren.
Entsteht so ein Netz? Eher unwahrscheinlich, doch die Grundlage einer One-to-one Beziehung, zu denen in Deutschland dann additiv mehrere hinzugefügt werden (s.Schaubild)

Networking do jeito brasileiro

Nun eine klassisch brasilianische Networking-Situation. Eine? Schwierig, denn genetworkt wird fast überall.  Dennoch ein paar Basics der Geschäftskommunikation:  man wird dem anderen vorgestellt, oft ergänzt durch einführende und verbindende Informationen. Der Dritte übernimmt mit persönlichen Fragen oder angenehmen Smalltalk, es beginnt die zu 99% erfolgreiche Suche nach Gemeinsamkeiten. Für den Fall, dass die Vorstellung einmal ausfällt, drehen sich die ersten Fragen um die Suche nach gemeinsamen Bekannten. So entsteht eine erste persönliche Bindung.
Ob daraus geschäftlich etwas wird, zeigt sich mit der Zeit, in der das Vertrauen in die Person wachsen muss. Doch dass man diesen neuen Kontakt anrufen, fragen und bei neuen Kontakten einbeziehen kann, ist ziemlich sicher. Er oder sie gehört jetzt zum großen Kreis derer, die jemanden kennen, der jemanden kennt.
Brasilianer schwimmen wie Fische im Wasser, wenn sie sich im Netz ihrer Kontakte bewegen. Networking ist quasi eine brasilianische Kulturkomptenz.

Unterschied_deu_ch_YangLiu Ego

Ego ©Yang Liu

Behind Culture: Bedeutung des Ich

Bevor Brasilianer und Deutsche zum Networking überhaupt an den Start gehen, unterscheiden sie sich schon in ihrer Grundausrüstung.  Nehmen wir nur einen wesentlichen Faktor, die kulturelle Bedeutung des eigenen Ich. Wie beeinflusst er die Fähigkeit zur Vernetzung mit anderen Menschen?

Entdeckung und Förderung des Ich sind Teil des abendländischen Wertekanons. Und das hat Folgen.
Kinder in Deutschland werden beispielsweise früh aufgefordert, allein zu spielen, Wünsche zu artikulieren, Nein zu sagen oder sich zu verteidigen.  Während  so ihr individuell geprägtes Ich ganz automatisch wächst, werden Brasiliens Kinder noch immer eher ins kollektive Ich initiiert. Angehalten,  ihr Spielzeug zu teilen, an andere zu denken und mit ihnen Kontakt aufzunehmen,  lernen sie, die Harmonie in der Gruppe nicht zu stören oder sie sogar herzustellen, Egoismen sind verpönt. Was für Kinder Lernaufgabe war, ist bei Erwachsenen als Kulturmuster internalisiert,  längst unsichtbar – aber wirksam, in allen Bereichen. Kein Wunder, dass Herangehen und Bedeutung von Networking sich in beiden Ländern unterscheiden.

Ein interessanter Aspekt global betrachtet ist, dass man sich in vielen Ländern der Welt 2) eher auf die „brasilianische“ Weise vernetzt. Da haben wir Deutsche noch einiges aufzuholen, denn „Networking“ gehört inzwischen zu den Global Business Skills.

Petra Sorge dos Santos

1) Die Mesa Redonda widmet sich den Interkulturellen Reflexionen von In-und Ausländern. Einmal im Monat treffen sich HamburgerInen aus Brasilien, Deutschland, Portugal und Angola zum Reflektieren auf Portugiesisch.
2) Ein Grund, warum die Illustrationen von Yang Liu „Ost trifft West“ auch in diesem Kontext hilfreich sind.

 

Advertisements