„A“ Presidenta

Kolumne über Frauen und die Macht der Sprache

Gestern hatte unser Honorarkonsul zum brasilianischen Unabhängigkeitstag geladen. Ein interkulturelles Fallbeispiel.

Amtsantritt einer Frau - Präsidentin Dilma

Amtsantritt einer Frau – Präsidentin Dilma

Mitten in einem Gespräch über Frauen im brasilianischen Bürgerrat traf mich quer von der Seite die Belehrung einer jungen Brasilianerin.  Brasiliens Presidenta Dilma Rousseff  müsse richtig „O Presidente“ heißen. Die maskuline Form sei schließlich die allgemeine Form für das Präsidentenamt. Meine Antwort, dass selbst das brasilianische Präsidialamt offiziell von „a presidenta„, der Präsidentin, spricht und schreibt, war in ihren Augen kein Argument.
Da dies kein Einzelfall ist, aber doch bemerkenswert, greife ich jetzt mal in die Tastatur.

Wer würde heute in Deutschland beim Auftritt von Angela Merkel noch sagen „es spricht der Kanzler„? Richtig, vielleicht noch ein paar Ewiggestrige. Frau Merkel ist die Staatenlenkerin Deutschlands und laut Wirtschaftsmagazin Forbes die mächtigste Frau der Welt. Sie verdient eine Bezeichnung, hinter der die Frau sich nicht verstecken muß. Doch nicht nur sie.
Auf meinem Zertifikat der Universität Hamburg heißt es noch „Diplom-Pädagoge“. Damit hab ich mich wie viele andere meiner Generation schon 1981 nicht mehr gemeint gefühlt. Das Primat der Subsumierung von Frauen in der männlichen Berufsbezeichnung ist eine lange, auch deutsche Tradition. Und die hat sich nicht von selbst verändert.

Sprache reflektiert Gesellschaft, gesellschaftliche Veränderungen. Damit unterliegt auch sie selbst dem Wandel.

Von „Vaterland.Muttersprache„,  „Übung macht die Meisterin“ bis hin zur „Geschlechtersymmetrie“ –  die Reflektion von ‚Frauensprache-Männersprache‚ schüttelt Deutschland in Linguistik und Gesellschaft seit Beginn der 80er Jahre. In Brasilien ging es zur gleichen Zeit  um Demokratisierung nach einer langen Diktatur. Die harten Fakten (Existenzsicherung) kamen meist vor den weichen (Diskriminierung in und Exklusion durch Sprache). Dennoch wurde ich während vieler Beratungseinsätze in Brasilien schon in den 90ern Zeugin der Femininisierung des Brasilianisch.  Verständlich, dass Veränderungen wie die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache, zunächst von einzelnen initiiert werden.  Dann werden es immer größere Gruppen, erst danach beginnen Organisationen und Institutionen Sprachänderungen zu übernehmen. Bis zur Anerkennung im Sprach-TÜV, dem deutschen Duden oder dem brasilianischen Aurelio, vergehen allerdings schon mal Jahrzehnte.

Sprache zeigt Haltung

Das Wirtschaftsmagazin Forbes hat Brasiliens Präsidentin, Dilma Rousseff, 2013 zur drittmächtigsten Frau der Welt gekürt. Umso bemerkenswerter finde ich das Beispiel der jungen Frau:  vielleicht eine Studentin, eventuell sogar Stipendiatin des Programms der von ihr auf die männliche Form reduzierten Präsidentin.  Was für ein Paradox, vor mir eine junge Brasilianerin in Deutschland, die für ihre eigene Abkoppelung vom Fortschritt kämpft – sollte ich lachen oder weinen?
Denn sie repräsentiert das junge Brasilien, eine dynamische Generation, die auch in Deutschland etwas bewirken könnte.  Im Gespräch zeigte ihr Verhalten nur das alte Brasilien. Die immer noch starke Definitionsmacht einer kleinen männlichen Elite in einem sich rasant modernisierendem Land. Dabei ist die Mehrheit der 200 Millionen Brasilianer weiblich und jung 1).  Sollte Sprache das nicht widerspiegeln dürfen oder sogar müssen?

Zugegeben, Brasilien ist komplex und eine Gesllschaft mit äußerst vielen Widersprüchen. Wieviel könnte die junge Frau von ihrem Aufenthalt profitieren, wäre sie beweglich im Kopf.  Was für ein einmaliges Privileg, Perspektiven zu wechseln und aus dem fruchtbaren Aufeinandertreffen der Kulturen zu lernen! Doch das geht nicht ohne bewußte Entwicklung der eigenen Kompetenz zwischen den Kulturen. Als Botschafterin 2) des aktuellen Brasiliens, die auch sie, gewollt oder ungewollt, ist.
Vielleicht hat es der jungen Frau aber auch nur an acesso, an Zugang zu Informationen, Zugang zu Veränderungen in ihrem Land gefehlt… Se atualize, mulher! würde ich am liebsten sagen.

Wie sprechen wir Vielfalt und Inklusion?

Als Frau mit viel Erfahrung und Reflexion zwischen Brasilien und Deutschland weiß ich, dass Kommentaren von Nicht-BrasilianerInnen zur ‚Terra Mãe‘  zunächst oft mit Misstrauen begegnet wird. Entendo.
Wer mich kennt, schätzt meine Lösungsorientierung, der ich auch als Coach verpflichtet bin. Hier kommt die brasilianische Antwort. Geeignet zugleich für den Conselho de Cidadania de Hamburgo in der Vorbereitung auf den bevorstehenden Kongreß zu Genderfragen in Brasilia.

Manual Linguagem nao sexistaDas Handbuch, dass nun auch offizell Abhilfe schafft: O „Manual para o Uso não Sexista da Linguagem“, der 112seitige Leitfaden zum nichtsexistischen Gebrauch der Sprache, wurde gerade von der Regierung des Bundesstaats Rio Grande do Sul veröffentlicht.
Unser Thema wird dort ausführlich in Kapitel 6 behandelt – Berufe, die von Frauen ausgeübt werden. Und dort heißt es natürlich „a presidenta“.
Wie auch:

„Der Widerstand gegen die Verweiblichung von Berufen oder Ämtern basiert niemals auf rein linguistischen Argumenten, …, Sprachen sind üblicherweise generös, … die Riegel sind ideologisch.“
“As resistências a feminizar uma profissão ou cargo nunca se baseia em argumentações estritamente linguísticas, porque as resistências não vêm da língua, as línguas costumam serem amplas e generosas, dúcteis e maleáveis, hábeis e em perpétuo trânsito; as travas são ideológicas…”
Eulàlia Lledó Cunill (2002)

In diesem Sinne  hier der Link zum Manual, das die Grammatik in ein wunderbares Lesebuch über die brasilianische Sprache integriert. Mal sehen, ob sich auch die etwas konservativeren BrasilianerInnen mit „A Presidenta“ anfreunden können. Denn eins ist jetzt 4 Wochen vor der Wahl schon sicher: auch ihre nächste Präsidentin wird eine Frau. Unsicher ist nur der Vorname.

Petra Sorge dos Santos

Petra Sorge dos Santos arbeitet als Brasil International Coach mit Professionals aus Deutschland, Brasilien, Portugal und Angola. Die studierte Berufsbildnerin trainiert nicht nur männliche Führungskräfte zu Diversity.
Cultures Change Leadership – CL!CAnm 1+2 Blog1 presidenta
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